Rilke 150 WS 25-26 (05) Zanucchi

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Prof. Dr. Mario Zanucchi (Dipartimento di Studi Umanistici, Università degli Studi di Salerno)
„Tempel im Gehör“ – Antiker Mythos und poetologische Neudeutung in Rilkes Sonetten an Orpheus (1922)

Orpheus ist der archetypische Mythos, der die unbegrenzte Macht der Poesie feiert. In seinen als poetisches Epitaph für die verstorbene junge Tänzerin Wera Ouckama Knoop entstandenen Sonetten an Orpheus, die als Meisterwerk der modernen Lyrik gelten, transformiert Rilke den mythischen Ur-Sänger in eine Projektionsfläche für die eigene Poetik. Der Vortrag wird zunächst die Hauptstationen des antiken Orpheus-Mythos in Literatur und Ikonographie umreißen und sich dann der Spezifik von Rilkes Orphismus zuwenden, der die Sterblichkeitserfahrung durch die ‚Verwandlung‘ des Vergänglichen in Gesang als Ausdruck einer allumfassenden Lebensimmanenz einfängt. Andererseits wird sich auch zeigen, dass Rilkes Orpheus kein areligiöser Dichter-Gott ist, sondern – in Nietzsches Nachfolge – einen ‚Anti-Christus‘ verkörpert, dessen esoterische Heilslehre von einer Umwidmung zentraler christlicher Konzepte profitiert.

Referent/in:

Prof. Dr. Mario Zanucchi (Dipartimento di Studi Umanistici, Università degli Studi di Salerno)